Markenklamotten nur 
unter der Gürtellinie

Markenklamotten nur unter der Gürtellinie

Vor fünf Jahren wurde an der Haupt- und Realschule Hamburg-Sinstorf einheitliche Schulkleidung eingeführt. Heute trägt dort fast jeder Schüler blau-weiße Oberteile, bauchfreie Tops sind passé. Hamburg will nun als erstes Bundesland alle Schulen uniform einkleiden.

Von Christian Werner

        Lehrerin Brose: Zufriedenheit in blau-weiß
          
        © SPIEGEL ONLINE

Die Einheitlichkeit fällt erst auf den zweiten Blick auf. Denn fast jeder der 30 Schüler der Klasse R9a an der Haupt- und Realschule Hamburg-Sinstorf trägt ein anderes Kleidungsstück. Die Oberteile sind aber einheitlich dunkelblau und weiß, uniformiert wirkt das nicht. "Man gewöhnt sich schnell an die optische Ruhe", sagt Lehrerin Karin Brose und blickt zufrieden über die Bankreihen. Vor fünf Jahren führten sie und eine Eltern-Initiative Schulkleidung in Sinstorf ein, als freiwilliges Angebot.

Heute tragen etwa 350 der insgesamt 400 Schüler jeden Tag eines der 25 Kleidungsstücke aus der Sinstorf-Kollektion. Nur die zehnten Klassen wollen sich nicht so recht ankleiden lassen. "Weil sie es nicht von Anfang an gewöhnt sind", erklärt Brose. Sie sei in ihrer Klassenstufe fast die einzige, die Schulkleidung trage, erzählt Lisa Reinhardt aus der zehnten Klasse: "Die anderen fühlen sich dafür schon zu alt und zu reif." Sie selbst finde, dass die Schulkleidung gut aussehe.

Das Modell soll Schule machen: Ende Mai verabschiedete die Hamburger Bürgerschaft einen Beschluss zur Förderung von Schulkleidung in der Hansestadt. Bestärkt durch eine Studie, die Schulkleidung einen guten Einfluss auf das Sozialklima attestiert, sollen möglichst viele Hamburger Schulen dem Beispiel Sinstorf folgen. Wiederum freiwillig, denn eine Verordnung würde gegen das Grundgesetz verstoßen. Auch Projekte in Bergisch Gladbach oder an zwei hessischen Grundschulen experimentierten mit dem Einheitslook.

Es werde keiner gezwungen, die blau-weißen Oberteile zu tragen, betont Brose. Gespräche mit Ausreißern in Sachen Mode ersetzen laut der Lehrerin mögliche Verordnungen. Doch die allermeisten Eltern unterstützen die Zweifarbigkeit - und auch die meisten Schüler. Schulleiter Klaus Damian berichtet, dass sich einige Schüler zunächst stolz abgrenzten und weiter ihre Alltagskleidung trugen. Nach wenigen Tagen wechselten sie dann stillschweigend zur Schulkleidung.

So viel Konformität hält Wilfried Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrates, für problematisch. Die Begründung, mit Schulkleidung werde so gegen Marken-Fetischismus vorgegangen, sei fragwürdig, wenn die Schulkleidung selbst zum Trend werde. Gewisse Qualitätsstandards seien dann nicht mehr von allen zu bezahlen, Schulkleidung dürfe nicht zur Uniformierung führen.

Das Wort Uniform hat Lehrerin Brose von Anfang an gemieden. Ihr geht es nicht um Gleichmacherei - ein Vorwurf, den sie öfters hört - sie will wieder Ordnung und Disziplin in die Schule bringen. Und die funktioniert für sie nur nach festen Regeln. "Schulkleidung", so Brose, "ist dabei nur ein Baustein." Sie nennt den Sinstorfer Versuch "Erziehung zum Wir". Auf der einen Seite sollen die Schüler der Lehrerin diszipliniert zuhören, auf der anderen Seite sollen sie locker miteinander umgehen. Die Schüler achteten jetzt weniger auf Marken, sondern viel eher auf Gesichter und Menschen, betonen Brose und Damian. "Das Mobbing in den unteren Klassen wird durch die Kleidung weniger, wie ich beobachtet habe", sagt Katharina Berger aus der zehnten Klasse.

Gepiercte Bäuche bleiben verdeckt

        Schuluniform (in Wiesbaden): "Besseres Sozialklima"
          
        © DPA

"Die Schule soll für die Gesellschaft erziehen", sagt Brose. Stattdessen sei sie zum Spielplatz geworden, die gute Absicht "der typischen Lockerheit der siebziger und achtziger Jahre" gewichen. Unverschämtheit und Respektlosigkeit sind die Schlagworte, mit denen sie das Lehrer-Schüler-Verhältnis an deutschen Schulen beschreibt. Bevor "das Problem amöbenartig aus der Form gerät und schlimm endet", wollte die energische Lehrerin einschreiten.

Sinstorf war nie eine Problemschule, erklärt Schulleiter Damian. Auch Brose selbst hatte keinen übermäßigen Ärger mit Schülern. Doch beobachtete sie manchmal rüden Umgang unter den Schülern und Abgrenzung durch Kleidung. "Ich hatte auch ultrakurze Miniröcke an, allerdings war ich da an der Uni", ist Broses Kommentar zu den vielen Britney Spears- und Christina Aguilera-Doubles an deutschen Schulen. Bauchfreie Tops und offen gezeigte gepiercte Bauchnäbel gehören in Sinstorf der Vergangenheit an. Da ist Brose rigide: "Schule ist kein Musikvideo."

Der erste Entwurf eines Einheitslooks mit grünen Oberteilen und riesigen Schullogos wurde von den Schülern im Probelauf abgelehnt. "Diese Farbe würden wir privat auch nicht tragen", sind sich die Neuntklässler heute noch einig. Die ewige Modefarbe schwarz wurde gefordert. Doch Textilfirmen rieten der Lehrerin und Modebeauftragten Brose ab - schwarze Sachen sähen schnell verwaschen aus.

Markenklamotten nur unter der Gürtellinie

Günstige Preise für ärmere Familien

Der Kompromiss, die Kombination aus dunkelblau und weiß, setzte sich durch. Und selbst manche Lehrer fügen sich in den Einheitslook ein. Das eingestickte Logo prangt jetzt unscheinbar auf den Oberteilen. Die Kollektion aus 25 Teilen reicht vom einfachen T-Shirt über das Polo-Hemd bis zur Strickjacke, bei einer Preisspanne von 7 bis 25 Euro. Ihre Freunde bemerken häufig nicht, dass sie Schulkleidung trage, sagt Christina Heinz, 16 Jahre. "Sie fällt eben nicht auf. Wie normale Freizeitklamotten."

        Schulleiter Damian: "Keine Problemschule"Schulleiter Damian: "Keine Problemschule"
           
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Lehrerin Brose, die selbst näht und Modeschauen gelaufen ist, verhandelt über Bestellungen, über Preisnachlässe und die Auswahl der Stoffe - alles freiwillig neben ihrer Arbeitszeit. Sie ist so überzeugt von ihrem Projekt, dass sie sogar eine Webseite dazu betreibt.

Teurer will Karin Brose die Kleidung nicht anbieten, denn die günstigen Preise sollen vor allem Kinder aus ärmeren Familien helfen, sich besser zu integrieren. Sie würde sich zusätzlich noch Kleider und Hosen im ihrem Angebot wünschen, doch die sind schwer zu bestellen. "Und wir wollen ja keine Uniformen." So dürfen die Schüler in Sinstorf unterhalb der Gürtellinie weiterhin teure Prestige-Textilien tragen.

Klaus Damian war vor der Einführung des Einheitslooks skeptisch. Von 1979 bis 1986 lehrte er in Chile, dort war Schulkleidung etwas Alltägliches. Aber in Deutschland? Jetzt ist er zufrieden. "Der Zusammenhalt ist besser und die Schüler sind leistungsbereiter", sagt Damian. Als Beispiel führt er an, dass Sinstorf als einzige Realschule unter lauter Gymnasien seit zwei Jahren Landessieger im Spanisch-Wettbewerb ist. Die Schule in der Siedlung aus Einfamilienhäusern beschreibt der Schulleiter als "heile Welt".

Verlagerter Sozialneid?

Die einheitliche Schulkleidung, so gibt Elternvertreter Wilfreid Steinert zu bedenken, funktioniere nur, wenn sich die Schüler positiv mit ihrer eigenen Schule identifizierten, jedoch nicht durch "Unterordnung unter eine Kleiderrichtlinie".

Stefan Lange, 19, vom Bundesarbeitskreis "Schüler gestalten Schule", sieht in Schulkleidung eine Beschneidung des Selbstbestimmungsrechtes. "Damit wird der Sozialneid nur aus der Schule in den privaten Raum verlagert, wo Konflikte meist noch brutaler ausgetragen werden", argumentiert der Schülervertreter. In der Schule würden dann andere Faktoren zum Ausgrenzen benutzt, etwa Handys.

Einmal im Jahr ist "Private day" an der Sinstorfer Schule. Alle Schüler dürfen anziehen, was sie wollen. "Das ist für die Schüler wie Fasching", sagt Brose. Und vergisst nicht hinzuzufügen: "Das reicht aber dann auch wieder."

        Quelle: GMX Startseite vom 14.06.05

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